Oleh Senzow: “Wir brauchen eine Strategie gegen Putin und für einen demokratischen Machtwechsel in Russland”

Oleh Senzow: “Wir brauchen eine Strategie gegen Putin und für einen demokratischen Machtwechsel in Russland”

Noch vor Kurzem war Oleh Senzow eine Ikone der ukrainischen Protestbewegung gegen die Besetzung der Krim und Symbolfigur der ukrainischen politischen Gefangenen in Russland.

Russische Sicherheitskräfte hatten ihn im Mai 2014 auf der annektierten Krim unter einer fingierten Anschuldigung festgenommen. Anschließend war er von einem russischen Gericht zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Erst am 7. September 2019 konnte Senzow im Rahmen eines Gefangenenaustausches mit Russland in die Ukraine zurückkehren.

Eine internationale Gemeinschaft aus Filmschaffenden, darunter Johnny Depp, Pedro Almodóvar, Andrzej Wajda, Wim Wenders und Krzysztof Zanussi, hatten sich zuvor für Senzows Freilassung ausgesprochen. Eine Petition für den Regisseur auf der Website des Weißen Hauses hatte mehr als 100.000 Unterschriften erhalten. Sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel persönlich hatte die Angelegenheit während eines Treffens mit Wladimir Putin am 18. August 2018 zur Sprache gebracht.

Am 25. Oktober 2018 erhielt Senzow schließlich den Sacharow-Preis des Europäischen Parlaments für geistige Freiheit.

Es versteht sich von selbst, dass Oleh Senzow Teil des Projekts #PrisonersVoice werden musste. Außer seiner Stimme werden in der Augmented-Reality-App auch die Stimmen von Oleksandr Koltschenko und Wolodymyr Baluch zu hören sein, die einem Publikum aus der ganzen Welt über die Verbrechen des Kremls gegen die Menschlichkeit berichten.

Im Gespräch mit #PrisonersVoice diskutiert Oleh Senzow Vereinbarungen mit Putin, die Wiedereingliederung der besetzten ukrainischen Gebiete und seine aktuellen Film- und Buchprojekte.

Was können die ukrainischen Behörden und die Zivilgesellschaft noch tun, um mehr Menschen weltweit auf die ukrainischen politischen Gefangenen in der Russischen Föderation und in den besetzten Gebieten um Donezk und Luhansk aufmerksam zu machen?

Sie müssen lauter werden. Und wir brauchen eine Strategie gegen Putin und zugleich für einen demokratischen Machtwechsel in Russland, anstatt unsere Zeit mit Verhandlungen über die Rückgabe der Krim und des Donbass zu verschwenden. Das ist schlichtweg unmöglich. Wer daran glaubt, ist naiv. Wer uns dafür gewinnen will, sollte sich keine Illusionen machen.

Ich bin nicht naiv. Ich glaube nicht daran, dass man eine Vereinbarung mit Putin über irgendetwas treffen kann. Verhandlungen über einen Waffenstillstand, um unsere Soldaten zu schützen – meinetwegen. Gefangenenaustausche – in Ordnung. Aber zu glauben, dass er den Donbass zurückgeben könnte – nein. Er will die “Volksrepubliken Luhansk und Donezk” nicht in die Ukraine eingegliedert wissen. Stattdessen plant er die Eingliederung der Ukraine in die “Volksrepubliken”. Das sind zwei sehr unterschiedliche Dinge, und wir müssen diesen Unterschied erkennen.

Mit welchen der ehemaligen ukrainischen Gefangenen stehst du derzeit noch in Verbindung? Worüber tauscht ihr euch aus?

Ich bin mit fast allen der elf politischen Gefangenen, die im Rahmen unseres Austauschs entlassen wurden, nach wie vor in Kontakt. Wir treffen uns regelmäßig. Edem Bekirow habe ich an seinem Wohnort im Süden besucht. Das war großartig. Er hat ein unglaubliches Pilaw für uns gekocht. Am siebten September wird es selbstverständlich ein Jubiläumstreffen zum Tag unserer Freilassung geben. Das ist unser gemeinsamer Feiertag. Wir haben ein gutes Verhältnis, wir telefonieren und unternehmen Dinge miteinander.

Stehst du in Kontakt zu den ehemaligen politischen Gefangenen in den besetzten Gebieten bei Luhansk und Donezk?

Wir treffen und unterhalten uns, aber ich würde sie nicht anders kategorisieren. Sie alle waren Geiseln des Kremls, egal ob sie direkt in der Russischen Föderation festgehalten wurden, oder durch deren Untergebene in den “Volksrepubliken Luhansk und Donezk”. Dennoch pflege ich engeren Austausch mit denen, die ich persönlich kenne, da wir im selben Flugzeug nach Hause gebracht wurden. Wir leben in derselben Informationsblase. Das ist einfach so gekommen.

Würdest du in deinen Interviews lieber über deine Arbeit als Filmregisseur sprechen, oder ist es dir wichtiger die Probleme der politischen Gefangenen zu diskutieren?

Ich habe inzwischen mehr Zeit für meine Rolle im öffentlichen Leben dieses Landes aufgebracht, als für meine kreative Arbeit. Erst seit drei Wochen, nach der Entscheidung der Staatlichen Filmagentur, geht es wieder richtig los. Daher wechsle ich jetzt zurück in die Kinosphäre und werde in den nächsten fünf Monaten wohl auch vollständig von dieser Arbeit eingenommen sein. Nichtsdestotrotz werde ich mich weiterhin mit den Entwicklungen um die politischen Gefangenen beschäftigen, sie unterstützen und meine Stimme erheben, wenn dies notwendig ist.

Vor Kurzem hat der Rat für die Staatliche Unterstützung der Filmkunst beschlossen, dein Filmprojekt Nashorn zu finanzieren. Verfolgst du nebenbei noch andere Projekte?

Nein, ich verfolge keine weiteren Projekte. Dafür habe ich keine Zeit. Ich habe eine Menge Freunde, und wir tauschen uns aus. Bei Premieren oder Festivals bin ich vor Ort. Aber während der Dreharbeiten bin ich zu sehr fokussiert. Ich habe andere Dinge zu tun.

Das Verlagshaus Staryj Lew hat mehrere deiner Bücher veröffentlicht, darunter die Erzählbände Schysnja und Marketer, und einen Roman mit dem Titel Der Zweite ist es auch wert, gekauft zu werden. Am 7. September soll der Öffentlichkeit ein zweibändiges Werk mit Geschichten aus dem Gefängnis und Tagebuchauszügen während deines Hungerstreiks präsentiert werden. Warum hast du dich für diesen Verlag entschieden, und wie hat man versucht, dich für sich zu gewinnen?

Ich fühle mich einfach wohl mit diesen Leuten, und sie sind hochprofessionell in dem, was sie tun. Sie haben mir gute Konditionen geboten, zumal mein Einkommen derzeit ausschließlich aus den Bücherverkäufen stammt, und ich kann davon leben. Jetzt kommt  noch das Kino hinzu, was für zusätzliche Einkünfte sorgen wird. Doch in erster Linie geht es mir nicht um das Geld, sondern um die angenehme Kommunikation mit dem Verlag.

Am 1. März ist ein Fernsehsender namens Dim für die russisch-besetzten Gebiete der Ukraine an den Start gegangen. Gibt es deiner Meinung nach noch andere Mittel und Wege, um die Ukrainischen Bürgerinnen und Bürger auf der Krim und im besetzten Donbass zu erreichen?

Dim wird es nicht vermögen, die russische Milliarden-Dollar-Propagandamaschine auszustechen. Wir haben keine Chance, sie auf diesem Gebiet zu übertreffen. Es ist nicht so, dass ich der Meinung bin, dass man es gar nicht erst versuchen sollte. Ich denke, man hätte einfach den Sender Suspilne umstrukturieren und um eine Redaktion erweitern sollen, die auf Russisch sendet. Und das wär’s gewesen. Ich verstehe nicht ganz, wozu dieses ganze Re-Branding gut sein soll.

Man sollte ein starkes öffentlich-rechtliches Fernsehen aufbauen. Aktuell gibt es in der Ukraine einen großen Einfluss der Oligarchen, insbesondere pro-russischer Oligarchen, die uns ihre Agenda diktieren. Wir haben keinen eigenen, unabhängigen ukrainischen Sender. Er wirkt wie der arme Verwandte, und das darf nicht sein. Ein Sender wie die englische BBC ist mächtig, unabhängig und staatlich. Ja, dafür gibt es einen Rundfunkbeitrag. Aber warum nicht? Warum können wir das hier nicht einführen, einen Rundfunk erschaffen, der den Einfluss der Oligarchen zurückdrängt?

Der Sender Dim ist ein sehr schwaches Projekt. Ich glaube, dass wir für die besetzten Gebiete kämpfen müssen. Die Menschen auf der Krim haben diese opportunistische Denkweise. “Oh, die Russen sind da – gut, dann machen wir mit”. Und wenn die ukrainischen Behörden wiederkommen, dann wird es heißen - “Okay, dann eben so”. Das Gleiche gilt für den Donbass, wo es einige Menschen mit einer aggressiven Haltung gegenüber der Ukraine gibt. Andere sind der Meinung, dass sie unter einer Besatzung leben. Und dann gibt es den “Sumpf” in der Mitte, der jede Flagge unterstützt, die gerade am stärksten wirkt. Diejenigen, die es wollen, werden sowieso nach Russland gehen. Da könnt ihr 100 Sender starten, aber den Donbass wird das nicht zurückbringen. Das ist die falsche Strategie, die falsche Herangehensweise.

Wenn wir diese Gebiete physisch zurückgewinnen, werden wir dann auch ihre Bevölkerung hinsichtlich ihrer Weltanschauung zurückgewinnen?

Ja. Das ist der Plan, der uns zum Sieg führen wird. Aber jetzt gerade simulieren wir den Kampf lediglich.

Austausch von 100 gegen 100 geplant

Oleh Senzows Beschwerde beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wird seit 2015 geprüft. Senzow beschuldigt die Russische Föderation der rechtswidrigen Verhaftung und Verurteilung.

Am 7. August 2020 erklärte Andrij Jermak, Leiter des Büros des Präsidenten der Ukraine, dass in der nächsten Zeit ein Austausch von jeweils 100 Gefangenen zwischen der ukrainischen Regierung und den besetzten Gebieten in den Oblasten Luhansk und Donezk anstehe. Eine Liste mit Namen von Gefangenen sei bereits der OSZE vorgelegt worden.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind mindesten 100 Bürgerinnen und Bürger der Ukraine rechtswidrig auf der besetzten Krim und in der Russischen Föderation inhaftiert. Diese Zahl wird von einer Allianz aus zivilgesellschaftlichen Organisationen angegeben, die sich für die Freilassung politischer Gefangener einsetzt.

Autorin: Tetjana Matytschak

Anmerkung: Die Augmented-Reality-App #PrisonersVoice wird im Rahmen eines Projekts von CSO Internews-Ukraine mit Unterstützung der Ukrainischen Kulturstiftung und in Kooperation mit dem Center for Civil Liberties und anderen Partnern entwickelt. Das Projekt ist Teil der globalen Kampagne #PrisonersVoice, die sich zum Ziel setzt, die Weltgemeinschaft auf die ukrainischen politischen Gefangenen aufmerksam zu machen, die nach wie vor in russischen Gefängnissen gehalten werden, sowie für die anhaltenden Menschenrechtsverletzungen der Russischen Föderation.

Die Position der Ukrainischen Kulturstiftung stimmt nicht notwendigerweise mit der Meinung der Autorin überein.

Quelle: Ukraine verstehen.