Oleksandr Koltschenko: „Einige europäische Linke haben ein verzerrtes Bild von der Ukraine“

Oleksandr Koltschenko: „Einige europäische Linke haben ein verzerrtes Bild von der Ukraine“

Oleksandr Koltschenko zählt zu den bekanntesten Ukrainern, die in Russland aus politischen Gründen inhaftiert waren. Als die Krim von Russland 2014 illegal annektiert wurde, war Koltschenko gemeinsam mit dem Regisseur Oleg Sentsow das Gesicht der Protestbewegung gegen die Besetzung der Halbinsel. 2015 wurde Koltschenko von Russland wegen der „Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung“ zu 10 Jahren Haft verurteilt. Aus Protest gegen die politische Haft trat Oleg Sentsow 2018 in einen 145 Tage langen Hungerstreik, wobei sich Oleksandr Koltschenko mit ihm solidarisierte ebenfalls freiwillig hungerte.

Zwar kam Koltschenko 2019 bei einem Gefangenenaustausch zwischen der Ukraine und Russland wieder frei. Jedoch werden immer noch mehr als 100 Ukrainer auf der besetzten Krim und in Russland aus politischen Gründen festgehalten. Dabei werden die Rechte der politischen Gefangenen systematisch verletzt und der Zugang zu medizinischer Behandlung wird eingeschränkt, beklagt der Parlamentarische Beauftragte für Menschenrechte in der Ukraine.

Oleksandr Koltschenko und zwei weitere ehemalige politische Häftlinge nehmen deshalb am Projekt #PrisonersVoice teil. Die mobile App gibt den Ex-Gefangenen eine Stimme und zeigt deren Erfahrungen - von den Umständen der Verhaftung bis zum Leben in einem russischen Straflager.

Oleksandr Koltschenko sprach mit #PrisonersVoice über seinen Hungerstreik, die Stimmung auf der Krim und der Blick der europäischen Linken auf die Ukraine.

Während des Hungerstreiks zur Unterstützung von Oleg Sentsow haben Sie 10 Kilogramm in einer Woche verloren. Wie haben Sie das ertragen?

Bevor ich in den Hungerstreik ging, schrieb ich einen Brief an Putin und bat ihn darum, in die Situation einzugreifen. Ich tat das, weil ich wusste, was für eine Person Oleg ist und dass er bis zum Ende gehen würde. Die Zeit verging und nichts geschah, also habe ich die Initiative ergriffen. Ich entschied, Oleg auf diese Art zu unterstützen. Jedoch habe ich nicht länger als eine Woche durchgehalten. Ermittler der Polizei sagten, sie würden eingreifen, mich ins Krankenhaus stecken und mich zwangsernähren. Also habe ich die Reißleine gezogen.

In einem Interview haben Sie gesagt, dass sie keine psychologische Hilfe benötigen. Wo nehmen Sie die Kraft und mentale Stärke her, um alles zu verarbeiten, was sie durchgemacht haben?

Erstmal bekomme ich Unterstützung von außerhalb, es gibt Korrespondenz. Ich habe viele Leute kennengelernt. Es gab Bücher, die mir Stärke gegeben haben. Ich habe versucht, mit so vielen Menschen wie möglich in der Strafkolonie zu kommunizieren, während ich trotzdem auf Abstand geachtet habe.

Heißt das, man konnte niemandem komplett vertrauen?

Absolut! Wahrscheinlich haben mir diese Umstände auch geholfen.

Wer hat Sie unterstützt? Leute aus der Ukraine, Europa, den Vereinigten Staaten?

Leute aus der ganzen Welt! Als ich noch in Moskau war, schrieb meine Schwester: „Wir haben in einer Einraumwohnung gewohnt und ständig war jemand die ganze Zeit bei uns. Fremde wollten unsere Bekanntschaft machen.“ Und weiter schrieb sie: „Die halbe UDSSR war schon bei uns und alle wollen dich jetzt unterstützen.“

Haben Sie jemals eine Zeit lang in Moskau gelebt?

Nun ja, ein Jahr und einen Monat lang. Das war in Lefortowo (dem Gefängnis, Anm.). Eine Immobilie direkt im Stadtzentrum! (lächelt, Anm.).

Welche Bücher haben Sie gelesen?

Ich habe im Gefängnis mehr gelesen als in Freiheit. Tatsächlich habe ich in Freiheit weniger gelesen, als ich hätte schaffen können, weil ich wahrscheinlich zu faul war. Im Gefängnis habe ich „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“ gelesen. Dieses Buch hilft, im Gefängnis unter schweren Bedingungen zu überleben. Ich habe auch viele andere Bücher gelesen, Sachbücher und Belletristik, auch Bücher über Wirtschaft und so weiter.

Also haben Ihnen auch Humor und Selbstentwicklung geholfen?

Ja (lächelt, Anm.)

Verfolgen Sie die Stimmung auf der Krim? Wie hat sich die Stimmung dort in den vergangenen sechs Jahren geändert? Kennen Sie noch persönlich Leute, die dort leben? Wir haben keine verlässlichen Umfragen und können uns nur auf Berichte anderer stützen.

Einige meiner Bekannten leben noch auf der Krim. Aber seit 2014 sieht es so aus, als ob sich die Krim immer mehr verschließt und sich die Menschen dort einigeln. Niemand spricht über Politik. Selbst wenn jemand heute enttäuscht ist über seine Entscheidung im Jahr 2014, fällt es ihm schwer, den Fehler einzugestehen.

Kennen Sie Leute auf der Krim, die die Ukraine unterstützen?

Ja.

Was würden Sie denen raten - kämpfen, offen sprechen oder sich verstecken?

Es ist schwer, Empfehlungen auszusprechen. Jeder hat seine eigene Lebenslage.

Viele Krimtataren sitzen derzeit in Russland in Haft. Die Ukraine tut alles Mögliche, um sie zu befreien. Beteiligen Sie sich an der Hilfe? Beobachten Sie diesen Prozess?

Ich verfolge die Situation, aber leider habe ich keine Möglichkeit, richtige Hilfe zu leisten.

Sind Sie direkt involviert?

Nein. Allerdings versucht die Vereinigung der Verwandten Politischer Gefangener (des Kremls) den Prozess offener und transparenter zu gestalten, so dass Familienangehörige auf dem Laufenden bleiben.

Interessiert man sich im Ausland für die ukrainischen und russischen politischen Gefangenen in Russland?

Man interessiert sich dafür. Aber ich habe gehört, dass 2014 und 2015 Abgesandte der angeblich „links“ stehenden Organisation Borotba (Anm.: Borotba ist eine kommunistische Organisation in der Ukraine, die pro-russische Separatisten und Russland 2014 unterstützt hat.) durch Europa fuhren und von „Gräueltaten“ in der Ukraine erzählten und dass eine so genannte „faschistische Junta“ dort die Macht übernommen hätte. Deshalb haben einige Linke in Europa ein verzerrtes Bild von der Ukraine, von der Krim und von den Ereignissen im Donbas.

War die Propaganda des Kreml auch daran beteiligt?

Ja, durch ihre Erfüllungsgehilfen. Man muss immer noch erklären, was wirklich hier und jetzt passiert.

Was wünschen Sie sich am meisten? Moralische Unterstützung von Ukrainern oder aus dem Westen?

Es gib genug Unterstützung. Jetzt geht es für mich darum, Geld aufzutreiben, um diejenigen zu unterstützen, die immer noch jenseits der ukrainischen Grenzen im Gefängnis sitzen.

Sammeln Sie Spenden?

Zurzeit habe ich nicht genug Geld, meine Ersparnisse sind so gut wie aufgebraucht. Deshalb mache ich gerade eine Umschulung. Ich lerne zum Beispiel Grafikdesign mit Adobe-Illustrator, um etwas Geld zu verdienen. Als ich durch Europa fuhr und etwas Geld von meinen Spesen übrig blieb, gab ich es einem Bekannten in Russland, Wladimir Akimenkow. Er sammelt Spenden für ukrainische und russische politische Gefangene in Russland.

Sie unterstützen anarchistische Ideen. Zurzeit blickt die ganze Welt auf die Black-Lives-Matter-Bewegung in den USA. Dort sind auch linke Ideen präsent.

Das sind linke Ideen unter vielen. Einige Maidan-Unterstützer versuchen sich von den Protesten in den USA zu distanzieren. Aber die Parallelen existieren, weil der Protest so breit gefächert ist. Menschen mit unterschiedlichen Einstellungen beteiligen sich an den Protesten, wie beim Maidan in der Ukraine. Außerdem protestieren die Leute gegen willkürliche Polizeigewalt, wie beim Maidan auch. Sie wollen ihr koloniales Erbe überdenken und abschütteln - wie in der Ukraine. Der Prozess dauert an und ist noch nicht vorbei. Zum Beispiel gibt es in Odessa ein Denkmal für Katharina die Große, die das Saporischschja Sich zerstörte. Allerdings kommt es weniger auf Denkmäler an, sondern auf das koloniale Erbe in den Köpfen.

Wodurch wird Ihrer Meinung nach dieses koloniale Erbe in der Ukraine unterstützt – durch das Fernsehen, mangelhafte Bildung oder durch uns selber oder der den Einfluss Russlands?

Entscheidend sind der russische Einfluss, die Erfüllungsgehilfen russischer Interessen und pro-russische Parteien und Bewegungen.

Anmerkung: Die App #PrisonersVoice ist Teil eines Projektes von CSO Internews-Ukraine und wird von der Ukrainischen Kulturstiftung und dem Zentrum für Bürgerrechte und anderer Partner unterstützt. Die Meinung der Ukrainischen Kulturstiftung muss nicht zwingend mit der Meinung des Autors / der Autorin übereinstimmen

Quelle: openDemocracy